Erziehungskunst Heft 10/2001 (Überarbeitung 2013)

Hilfe für legasthene Kinder – ein Fallbeispiel

 

Bärbel Kahn

 

Mit freundlicher Erlaubnis des Kindes und der Eltern möchte ich im Folgenden beispielhaft von dem Jungen Max (Pseudonym) ausführlicher berichten:

 

Max war im Dezember 1999 11 Jahre und 9 Monate alt, als wir mit dem Training begannen. Er war für sein Alter eher klein und von zarter Statur, wirkte aber nicht zerbrechlich. Seine Hände konnten kräftig zudrücken, seine Stimme war leise, die Sprache undeutlich und wenig konturiert. Er konnte mir nicht ruhig in die Augen schauen.

Max hat einen um zwei Jahre älteren und einen um gut zwei Jahre jüngeren Bruder. Legasthenie oder Lese- Rechtschreib- Probleme in der Familie waren nicht bekannt. Seine frühkindliche Entwicklung verlief normal. Bis auf Windpocken hatte Max keine Kinderkrankheiten.

Mit 2½ Jahren begann Max verständlich zu sprechen. Da er im Kindergartenalter auffällig lispelte, besuchte er ein Jahr lang eine Logopädin. Nach Aussagen der Eltern war Max ein sehr ängstliches Kind. Er bildete sich Dinge ein, die es nicht gab; allein ging er nirgendwo hin und er traute sich selber nur sehr wenig zu. Später in der Schule war sein älterer Bruder stets ein sehr guter Schüler. Größere und kleinere Verletzungen, wie Prellungen, Verstauchungen und Abschürfungen, hatte Max fast immer. Seine Aufmerksamkeit hielt nur für etwa 10 bis 15 Minuten an, dann schweifte er vom Thema ab. In der 1. und 2. Klasse wurde Max einmal wöchentlich von einer Förderlehrerin betreut.

Nach dem Wechsel in die 1. Klasse eines Sportgymnasiums im Alter von 11 ½ Jahren zeigte sich, dass für Max die Anforderungen, vor allem im Fach Deutsch, aber auch im Fach Englisch, zu groß waren. Gegen 14.00 Uhr kam er sehr erschöpft nach Hause und benötigte eine längere Ruhe- und Erholungspause. Für die täglichen Hausübungen waren oft bis zu zwei Stunden mit der Mutter erforderlich, meist erst am Abend, da Max ein sehr bewegungsfreudiges Kind ist. Trotz intensiven zusätzlichen Übens verbesserten sich die Leistungen in der Schule nicht. Hauptsächlich ließ Max beim Schreiben Buchstaben und kleinere Wörter aus und schrieb ohne Regeln, die er sich nicht gut merken konnte. Die Deutschlehrerin kannte sich mit dem Phänomen Legasthenie nicht aus, akzeptierte aber die Situation.

 

Zwei wesentliche Dinge waren mir bei Max bei unserer ersten Begegnung aufgefallen:

 

  • Er ging meist überstürzt in die Handlungen, welche er dann nur teilweise oder nicht richtig ausführten konnte. Dabei machte er einen motorisch ungeschickten Eindruck.
  • Er war, sobald es um Buchstaben ging, innerlich verspannt, atmete sehr flach und seine Hände zitterten. Er las sehr flüchtig und ungenau.

 

Die auszuwählenden Übungen mussten also bewirken, dass sich seine inneren Verspannungen lösen können, damit er durch diesen entspannten Zustand zu einer seelischen Gelöstheit kommen und sich ruhig und vertiefend mit den Dingen, und nicht überstürzend und übereilend, befassen kann.

Dazu schien mir in der wöchentlich 60minütigen Stunde bei mir das großflächige Wasserfarbenmalen (DIN A2) ebenso geeignet, wie rhythmische Lauf- und Klatsch- Übungen sowie Sprachübungen für die Vertiefung der Atmung sowie zur qualitativen Lautunterscheidung.

Von der Mutter begleitet malte Max zu Hause zur Verbesserung seines optischen Gedächtnisses Kärtchen mit verschiedenen Mustern. Später malte er Kreisteilungen mit Pinsel und Wasserfarben zur Verbesserung der optischen Differenzierung aus; deshalb mit Wasserfarben, weil der Prozess des Gestaltens mehrere Tage dauert (nicht länger als 10 Minuten hintereinander) und er sich dadurch mit dem einen Mandala viel mehr verbinden kann und muss, die Wasserfarben leuchten und leicht stimmen und das Wasser wieder lösend wirkt.

Als Symmetrie-Übung zur Harmonisierung der rechten und linken Körperseite spiegelte er Kreuz-Muster auf Rechenpapier. Im Fehlerbereich las Max täglich laut zwei bis drei Sätze wortweise von hinten nach vorn mit der vierfarbigen „Easy-Reading-Leseschablone“ vom Kärntner Landesverband Legasthenie. Auf diese Weise geht der Sinn des Satzes „verloren“ und die Wortbilder werden genauer und länger betrachtet.

Als nächstes baute Max einen Satz zusammen, indem er die einzelnen Buchstaben, die in Form einer Acht übereinander angeordnet sind, einsammelte und aufschrieb. Später kamen in meinen Stunden Übungen dazu, welche die Bewegung, das Gleichgewicht und die Sprache miteinander koordinieren, z.B. das A B C vorwärts und rückwärts laufen und sprechen, was Max von A bis Z und zurück nach 8 Trainingsstunden gelang. Dazwischen „ruhte“ die Übung für zwei Wochen aufgrund einer Fußverletzung. Auf dieses Ergebnis war Max besonders stolz, weil er damit etwas konnte, was sein älterer Bruder, seine Eltern und die Klassenkameraden nicht konnten!

Zu Hause ergänzte Max halbe Kreisteilungen, ganze füllte er in Schraffurtechnik aus und zeichnete fortlaufende - und Symmetrieformen; bei mir an der Tafel, zu Hause in ein Heft. Später begann er sein „Regelwissen“ mit Hilfe einer Anleitung aufzubauen und zu trainieren.

Mir war nicht nur bei Max aufgefallen, dass, wenn ich darum bat, das Geschriebene noch einmal durchzusehen, die Kinder zwar darauf schauten, aber husch, husch drüber waren und keinen Fehler entdeckten, obwohl einiges zu entdecken gewesen wäre!

So drängte sich mir auf, dass sie gar nicht wussten, worauf sie überhaupt schauen sollten. Auf Grund dieser Überlegung entwarf ich die „Kontrollanleitung in 7 Schritten“.Trainiert wird damit so, dass zwei bis drei Sätze - nicht mehr - siebenmal gelesen werden, leise oder laut, so, wie es das Kind braucht, und der Fokus jedes Mal auf einen anderen Schwerpunkt gerichtet wird.

Beim ersten Lesen wird auf die Groß- und Kleinschreibung geachtet, beim zweiten Lesen sind dann die i- Punkte und Umlautstriche dran usw. Dazu wird ein „Protokoll“ angefertigt: zu 1., zu 2. bis zu 7., aus welchem ersichtlich wird, welche Fehler vorrangig unterlaufen. Daran kann dann gezielt mit dem Kind gearbeitet werden. Des Weiteren lernen die Kinder durch die regelmäßige Anwendung der Kontrollanleitung schon beim Schreiben mehr auf die Rechtschreibregeln zu achten, d.h. Fehler können bewusster vermieden werden. Als Übungstexte verwende ich gerne Sagen, die dem Alter entsprechen. Auch bei Max ergab sich über einen Zeitraum von etwa vier Monaten eine deutliche Verbesserung im Symptombereich.

Von großer Wichtigkeit ist weiterhin eine Eurythmie-Übung, die ich bei Annemarie Ehrlich lernte. Es ist eine Übung, bei der das ICH die Bewegung der Hände und Füße räumlich und zeitlich in eine harmonische Übereinstimmung bringen muss. Max machte diese Übung bei mir mit Schwierigkeitssteigerungen etwa 20 mal; zu Hause laut Trainingsplan über ca. zwei Monate jeden Morgen.

Mit etwa 12 ¾ Jahren konnte Max recht gut „richtig“ schreiben, doch zeigte sich nun eine neue Schwierigkeit. Im Fach Geometrie verstand er die Aufgaben nur sehr schwer und konnte sie auch kaum lösen. Das erlebte ich später noch bei vier anderen Kindern in diesem Alter.

 

Walter Holtzapfel beschreibt in seinem Aufsatz „Entwicklung und Vorbeugung der Legasthenie“, dass es sich bei Legasthenie nicht um eine isolierte Störung der Schreib- und Lesefähigkeit handelt, sondern um ein Entwicklungsproblem, welches das Kind als Ganzes betrifft.

„Die verzögerte Persönlichkeitsreifung, das verspätete Eingreifen des Ich, steht im Hintergrund der ganzen Legasthenieproblematik. Das Ich lebt im Willen, und deshalb erweist sich die Legasthenie als ein Willensproblem und nicht als ein Problem der Intelligenz, wie es zunächst scheinen könnte.“

 

Auf jeder der drei großen grundsätzlichen Entwicklungsschritte: Gehen –Sprechen – Denken ergeben sich für den späteren legasthenen Menschen Schwierigkeiten, so auch bei Max, der als kleines Kind oft stolperte oder anstieß, der lispelte, der dann im ersten Schulalter Schwierigkeiten mit dem Schreiben und Lesen hatte und nun im vorpubertären Alter, wo das kausale Denken erwacht und ergriffen werden will.

 

Äußerliche, geformte Bewegung und innere Denk- Bewegung gehören zusammen. So machte Max in den Stunden bei mir folgende Lauf- Zähl- Übung: 4 Schritte vor und 1 Schritt zurück; 3 Schritte vor und 2 Schritte zurück bis 1 Schritt vor und 4 Schritte zurück. Dann wird alles wieder umgekehrt.

Ich ließ ihn bei 4 in Dreierschritten loslaufen: 4 – 7 – 10 – 13 –16 – ... natürlich wieder vorwärts und rückwärts, u.ä.

Wir sprachen verschiedene Hexameter und warfen uns dabei zwei Eurythmiestäbe zu. An der Tafel malte Max nach einfachen und später schwieriger werdenden Aufgabenstellungen geometrische Figuren und „Zahlensterne“ (siehe „Extrastunde“), die er dann zu Hause wiederholend auf ein Blatt zeichnete.

 

Anfang April 2001 konnte das Training mit Max nach insgesamt 16 Monaten einschließlich der Ferien beendet werden. Im Rückblick auf diese Zeit meinte er, er hätte die Eurythmie- Raumes- Übung und das Wasserfarbenmalen als besonders wichtig erlebt. Er könne jetzt besser einen Kreis malen und er interessiere sich sehr für geometrische Aufgaben. Und er könne natürlich auch richtiger schreiben und besser lesen... Einen Rückblick auf die Trainingsstunde gab es übrigens fast jedes Mal.

 

Meine Zusammenarbeit mit Max‘ Eltern war für dessen Fortschritte äußerst wichtig. Liebevoll begleiteten sie ihn auf seinem schweren Lern-weg und hatten Verständnis für seine mitunter auch schwachen Momente. Max hat sich zu einem selbstbewussten – er kennt seine Schwächen, aber auch seine Stärken – und kräftigen Jungen entwickelt, der ruhig seine Aufgaben angeht und sie, so gut er kann, erfüllt. Er weiß, dass Legasthenie kein Zustand ist, den er einfach „wegtrainieren“ kann, sondern dass er immer wieder etwas in dieser Richtung tun muss.

 

Im Folgenden versuche ich das Wesentliche meiner Arbeit mit den Kindern und den Eltern darzustellen:


  • Anfangsfrage: Was bringt mir dieses Kind Besonderes mit, insbesondere bezogen auf die Legasthenie/Dyskalkulie?

        Was kann und soll ich von diesem Menschen lernen?

  • Wie sprechen die Eltern von ihrem Kind? Was nehmen sie wahr?

        Wie erleben sie ihr Kind?

  • In welchem sozialen Zusammenhang steht das Kind - Familie, Freunde, Schule oder Lehre? Wie gestaltet sich das Soziale?
  • Den ganzen Menschen in seiner Entwicklung wahrnehmen, d.h.

   das Vergangene mit dem Gegenwärtigen verbinden.

        Wie zeigt sich das Kind bei der ersten Begegnung?

        Was kann ich leiblich, seelisch, geistig wahrnehmen?

        Wie entwickelt es sich im Verlaufe der Arbeit?

  • Einbinden der Eltern in die Arbeit:

1. durch tägliches Üben mit dem Kind und 2. durch das Wahrnehmen von Veränderungen, die in den sechswöchentlich stattfindenden „Entwicklungsgesprächen“ besprochen werden bzw. bei Jugendlichen durch das Führen von Lerntagebüchern („Veränderungsbücher“).

Was geschieht durch diese Gespräche mit dem Kind? Wie wirken sich diese „Entwicklungsgespräche“ auf die Eltern aus?

  • Das innere Beschäftigen mit jedem einzelnen Kind.
  • Am Ende der Arbeit ein abschließendes Gespräch mit den Eltern und ein schriftlicher Bericht zu den Veränderungen mit Empfehlungen für die Zukunft.
  • Die eigene Arbeit rückblickend reflektieren und zu Erfahrungen werden lassen.
  • Fortwährende Weiterbildung zum Thema Legasthenie und grundlegend zur Entwicklung des Kindes sowie in angrenzenden Bereichen
  • Die Erfahrungen anderer in meine eigene Arbeit einfließen lassen.

 

Was bestärkt mich in meinem Vorgehen?

 

  1. Die Kinder kommen gern und oft neugierig zu mir und machen ihre täglichen Übungen zu Hause regelmäßig und in guter Qualität (es gibt wirklich nur wenige Ausnahmen).
  2. Der Ansatz, den ganzen Menschen in seiner Entwicklung wahrzunehmen und ihn liebevoll mit den „richtigen“ Übungen zu begleiten, zeigt bei fast allen Kindern bereits nach den ersten sechs Wochen solche Veränderungen, dass sie von Eltern und Kindern und oft auch von LehrerInnen erlebt werden.
  3. Die anfänglichen Veränderungen bleiben erhalten; später gehen sie in die Breite und in die Tiefe.
  4. Für die konkrete Arbeit erhalte ich Hilfe aus geistigen Welten.
  5. Die Persönlichkeit des Kindes entfaltet sich – die Stärken kommen mehr zum Ausdruck, die Schwächen verlieren sich.
  6. Kinder und Eltern erleben die Veränderungen durch eigenes Wahrnehmen und Reflektieren.
  7. Die Eltern füllen am Ende des Trainings einen Fragebogen zur Evaluation aus, wodurch ihnen die Veränderungen ganz bewusst werden und ich Anregungen für meine Arbeit erhalte.


Seit etwa zwei Jahren habe ich in ca. 800 Trainingsstunden die Entwicklung vieler legasthener Kinder und Jugendlicher miterleben dürfen. Den Kindern für ihr Anderssein Verständnis und Wärme entgegen zu bringen und sie in ihrer Entwicklung so zu stärken, dass sie sich nach der Zeit des Trainings selber helfen können, ist mir bei meiner Arbeit das wichtigste Anliegen.

Ich möchte diese Tätigkeit, ab August 2001 in Weimar, nicht mehr missen und hoffe noch vielen Kindern helfen zu können.

 

Literaturverzeichnis

„Legasthenie“, Moniek Terlouw, Verlag Freies Geistesleben

„Extrastunde“, Audrey Mc Allen, Verlag Freies Geistesleben

„Die Medizin muss noch ganz anders werden“, Walter Holtzapfel, Verlag am Goetheanum



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