Erziehungskunst Heft 03/2011 (ohne Foto)

 

Körperdominanz und Schulreife


Von Bärbel Kahn


Die ehemalige Klassenlehrerin Bärbel Kahn ist seit elf Jahren freiberuflich als Lerntherapeutin für Legasthenie und Dyskalkulie (Rechenschwäche) tätig. Zu ihrer Klientel zählen vorwiegend Schulkinder zwischen neun und 16 Jahren. Sie plädiert dafür, der Körperdominanz bei der Beurteilung der Schulreife eine größere Bedeutung beizumessen.

 

Was ist Körperdominanz?

Unter Körperdominanz versteht man den Gebrauch von Hand, Auge, Ohr und Fuß bevorzugt auf einer Körperseite. Die Körperdominanz entwickelt sich dadurch, dass sich das Kind bewegt. Die äußerlich gut wahrnehmbare motorische Entwicklung umfasst die Gesamtheit aller Bewegungsabläufe, die der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget in kleine, aufeinander folgende Bewegungsschritte je nach Lebensalter unterteilt. Jeder neue Bewegungsschritt entwickelt sich aus dem vorhergehenden, der die notwendige Voraussetzung für den folgenden ist. So kann zum Beispiel ein etwa zweijähriges Kind noch nicht gleichzeitig mit beiden Füßen hochhüpfen; es hüpft entweder auf dem einen oder dem anderen Fuß. Ebenso nimmt es beim Treppensteigen mehrmals hintereinander den rechten oder linken Fuß als ersten. Im sechsten, siebten Lebensjahr ist ein Kind gewöhnlich so weit, dass es stets mit ein und derselben Hand malt, ein Buch umblättert, nach Stiften greift, mit der Schere schneidet, einen Faden in eine Nadel einfädelt oder stets mit dem gleichen Fuß zuerst die Treppe hinaufsteigt. Es hat sich auf den Gebrauch einer Körperseite festgelegt. Man spricht dann von einer ausgereiften Körperdominanz oder auch stabilen Seitigkeit.

Bewegung stärkt die Willenskräfte

Warum bewegt sich ein kleines Kind eigentlich? Weil es etwas sieht oder hört! Es sind die Sinne, die es anregen, sich zu bewegen. Vielleicht hat es die geliebte Mutter gesehen und will zu ihr oder es möchte unbedingt ein Spielzeug haben. Sagen kann es das alles noch nicht, aber sich dorthin begeben oder danach greifen. Dadurch, dass das Kind viele Bewegungen immer wieder ausführt, stärkt es den Aufbau seiner Muskulatur und wird immer beweglicher und geschickter. Insbesondere schult es dadurch seine Willenskräfte, aber auch sein Sprachvermögen. Das Kind übt sich in Geduld und Durchhaltekraft und lernt, mit Misserfolgen umzugehen. In dem Maße wie sich das Kind bewegt, werden die anfangs lebenswichtigen frühkindlichen Reflexe, wie zum Beispiel der Saug, Schluck- und Greifreflex, abgebaut. Bewegt es sich zu wenig oder lässt wichtige Bewegungsschritte aus, bleiben so genannte Restreflexe, die das Kind später daran hindern, eigene Bewegungen willentlich auszuführen. Es besteht eine Wechselwirkung zwischen Bewegung, Willenskräften, Ausbildung des Gehirns und der Körperdominanz. So wie sich ein Kind bewegt, so schult es seinen Willen, so plastiziert es an seinem Gehirn und so bildet sich die dominante Körperseite heraus. Doch wie und wie viel bewegen sich unsere Kinder heute? Rennen, klettern, springen, balancieren, hüpfen, sich drehen, werfen, fangen, greifen – tun sie das noch genügend? Die Kleinen werden im Kinderwagen, im Auto oder auf dem Fahrrad der Eltern gefahren. Schulkinder fahren mit dem Bus, der Bahn oder werden mit dem Auto gebracht. Ebenso führen Fernsehen, Internet oder Telefon zu Bewegungsmangel und dazu, dass die Bewegungsentwicklung vieler Kinder bis zum schulfähigen Alter noch nicht so weit ist, dass sie den neuen Anforderungen in der Schule gewachsen sind. Dazu zählt eben auch die nicht ausgereifte Körperdominanz. 

Das Leiblich-Seelische wird dem Kognitiven untergeordnet

Vor Schulbeginn werden alle Kinder medizinisch untersucht und ihr leiblicher und seelisch-geistiger Entwicklungsstand erfasst. Die Vorgehensweisen sind so unterschiedlich und zahlreich wie es Institutionen und Verantwortliche dafür gibt. In den meisten deutschen Bundesländern besteht Schulpflicht ab sechs Jahren. Viele Kinder werden in die Schule aufgenommen, weil sie pfiffig sind und schon so viel wissen, nicht weil sie motorisch ausgereift sind. Die leibliche und seelische Reife werden dem Verstand und dem Wissen fast immer untergeordnet. Oft fühlen die Mütter intuitiv, dass ihr Kind noch nicht so weit ist, doch häufig wissen es Menschen im Umkreis des Kindes besser, eben auch solche, denen die Eltern ein spezielles Fachwissen zutrauen. Solche Aussprüche wie »Das wird schon noch«, »Das wächst sich noch aus« hat wohl jeder schon einmal gehört. Schon bald kommt das Kind mit den Anforderungen in der Schule nicht mehr zu recht. Die Eltern wollen helfen und sitzen oft stundenlang mit ihm an den Hausaufgaben, eine Therapie folgt der anderen und nachmittags absolviert das Kind ein Programm mit verschiedenen Freizeitaktivitäten, um den Schwierigkeiten in der Schule etwas Positives entgegenzusetzen. Das Kind versteht nicht, was mit ihm los ist. Es möchte lernen wie alle anderen Kinder auch, doch stößt es immer wieder an unsichtbare Grenzen, die es nicht benennen und alleine überwinden kann. Verständnis für die Situation des Kindes ist als seelischer Beistand wichtig, reicht aber nicht, um dem Kind tatsächlich zu helfen. Bei all diesen Kindern fällt auf, dass sich der Zahnwechsel verzögert oder sogar stehen geblieben ist und sie nur wenig oder gar nicht wachsen »wollen«. Und irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, wo mehr als deutlich wird, dass es nicht mehr geht. Das Kind ist häufig krank, hat Bauchweh, Kopfweh oder andere Schmerzen. Es ist schlapp und antriebslos und will nicht mehr zur Schule gehen. Es fühlt sich unverstanden und allein gelassen. Es hat das Vertrauen zu den Erwachsenen verloren. 

Lernschwierigkeiten »unreifer« Dominanz

Auf Grund meiner Erfahrung kann sich eine nicht gefestigte Dominanz bei Schulkindern fatal auswirken. Am gravierendsten ist, dass das Kind in sich keinen festen Halt verspürt. Wenn wir den Leib gewissermaßen als »Gefäß für das Seelisch-Geistige« betrachten, dann schwanken rechts und links ständig hin und her; mal ist rechts auf der einen, dann auf der anderen Seite. Mehrmals habe ich erlebt, wie ein Kind seine Hände anschaut und sagt: »Ich weiß gerade nicht, wo meine rechte Hand ist« oder wie es eine Schreibbewegung mit einem imaginären Stift über dem Tisch ausführt, um herauszufinden, welches die Schreibhand ist. Lerninhalte finden in dieser Bewegtheit nicht den »richtigen, bleibenden Platz«. Das Kind kann sich kaum etwas merken – wie auch? Es ist motorisch unruhig und kann sich nur für kurze Zeit und unter großer Anstrengung konzentrieren. Weil solche Kinder nicht länger stillsitzen, in Ruhe zuhören und konzentriert arbeiten können, kommt es früher oder später unweigerlich zu den bekannten Lernschwierigkeiten wie Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Rechenschwäche, die zumeist Ausdruck sind für das tiefer sitzende Problem der nicht gefestigten Dominanz. Wird es gar zu schlimm, bekommen Kinder Ritalin, damit sie ruhig sind und »funktionieren«. 

Der Zeitpunkt der Schulreife ist individuell

Die Körperdominanz spielt sich nicht von alleine ein, denn sobald das Kind zur Schule kommt, werden viele Kräfte für das Lernen gebraucht und stehen somit zum »Nachreifen« der Dominanz nicht mehr zur Verfügung. Weder die körperliche noch die kognitive Entwicklung gehen in der richtigen Weise voran. Und deshalb braucht das Kind unbedingt Hilfe. Würde die Körperdominanz als Schulreifekriterium stärker wahrgenommen werden, könnte den Kindern mit einer Dominanzschwäche noch vor Schulbeginn geholfen werden. Am sinnvollsten wäre es jedoch, wenn die Kinder zukünftig nicht mehr nach Alter, sondern ihrem Entwicklungsstand entsprechend eingeschult würden. Manche sind mit fünf Jahren so weit, wie andere erst mit sieben oder gar acht Jahren. Die Kinder könnten sich freier entfalten und viel Leid, Bemühungen, Austestungen und lange Therapien könnten entfallen. Doch braucht es dafür starke Mütter und Väter, die sagen: Unser Kind ist zwar sechs Jahre alt, aber noch nicht reif. Es wird noch nicht zur Schule gehen! Um diese Entscheidung sicher treffen zu können, müssten Eltern die Entwicklungsschritte kennen und wahrnehmen lernen. Dies ist eine große Aufgabe, doch wird sie mit Sicherheit auf uns zukommen.


Literatur: Audrey McAllen: Die Extrastunde. Zeichen- und Bewegungsübungen für Kinder mit Schwierigkeiten im Schreiben, Lesen und Rechnen, VFG Stuttgart

 



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