Was aus uns geworden ist

Anna

 

Karminrot gekleidet erschien Anna abends am 12. Februar 2001 zur Überprüfung einer Schreibschwäche. Sie war und ist noch immer etwa 1,65 m groß, schlank und macht einen sportlichen Eindruck. Sie hat blaue Augen und ihr ovales Gesicht wurde damals von halblangen blonden Haaren umrahmt. Nach einem festen Händedruck zur Begrüßung schritt Anna erhobenen Hauptes ins Zimmer und schaute sich aufmerksam und interessiert um. Mir kam schon damals in den Sinn, dass sie einen gewissen Stolz ausstrahlt, was auch heute noch so ist. Anna fällt auf durch ihre Erscheinung, ihren aufrechten Gang und durch ihre offene Art. Bereits beim Vorgespräch waren wir uns auf Augenhöhe begegnet, denn sie ist eine junge Erwachsene von fast 20 Jahren gewesen, so wie auch meine jüngere Tochter damals. Anna war meine erste „Ältere“.

Im Gespräch erzählte sie mir, dass sie bereits am ersten Schultag in der Volksschule ein ungutes Gefühl gehabt hätte, woran sie sich nach 13 Jahren noch immer sehr gut erinnern konnte. Wahrscheinlich ist erinnern nicht das richtige Wort. Ich hatte den Eindruck, dass Anna dieses Gefühl von damals wirklich fühlte. Wahrscheinlich ahnte die kleine sechsjährige Anna, was sie während ihrer gesamten Schul- und Ausbildungszeit begleiten sollte…

Anna ist mit beiden Eltern, ihren zwei jüngeren Geschwistern und einer Großmutter auf einem Tiroler Bauernhof in einer sehr schönen, natürlichen Umgebung groß geworden. Sie fühlte sich ihrem Vater sehr nah, erlernte von ihm das Skifahren und war schon von klein auf selbst als Skilehrerin tätig. Woran ich mich gut erinnere ist, dass Anna jedes Wochenende nach Hause fuhr, weil sie gerne mit ihrer Familie zusammen sein wollte. Außerdem hatte sie seit einem Jahr einen sieben Jahre älteren Freund, der viel Verständnis für ihre Situation hatte. Annas Eltern habe ich nicht kennengelernt, aber sie haben mir über die Entwicklung ihrer Tochter wichtige Informationen gegeben.

Als Baby hatte Anna einige Zeit eine Schuppenflechte und musste wegen eines „Sichelfußes“ ungefähr fünf Monate einen Gips tragen, so dass sie erst mit 14 Monaten etwas verzögert alleine gehen konnte. Danach ist ihre motorische, sprachliche und soziale Entwicklung gut verlaufen.

Viele Jahre schlief Anna sehr unruhig. Sie hatte oft farbige und häufig auch wiederkehrende Träume, an die sie sich gut erinnerte; manche davon hat sie auch aufgeschrieben. In ihrem 8. Lebensjahr, wahrscheinlich ging Anna schon in die 3. Klasse, musste ihr der Blinddarm entfernt werden. Noch bis zum 10. Lebensjahr konnte es geschehen, dass sie nachts ab und zu einnässte. Eine wahrscheinlich eher leichte Neurodermitis in den Arm- und Beinbeugen war durch eine Kur am Meer in Holland auskuriert worden; später wurde eine Laktose bei ihr diagnostiziert. Anna mochte nie gerne Autofahren. Sie sagte sogar, sie würde es hassen; ihr würde dabei übel werden. Und wie um das Maß voll zu machen, war sie 2000, also ein Jahr bevor sie zu mir kam, in einen Autounfall verwickelt! Was so ein Ereignis mit einem Menschen macht, wissen wir nicht genau. Doch es ist sicher, dass sich Bilder, Geräusche, Gerüche usw. und vor allem Ängste tief in die Seele einsenken und dort unvergessen sind, wenn vielleicht auch nicht als bewusste Erinnerung greifbar. So erzählte mir Anna in unserer zweiten Stunde, dass sie immer wieder von dem Unfall träumen würde….

Sehr aufschlussreich war Annas Antwort auf die Frage: Was hättest du als Schulkind am liebsten getan, wenn es keine Schule gegeben hätte? Ich wäre am liebsten weggelaufen, wusste aber nicht wohin! Während Anna antwortete, spiegelte sich in ihren Augen ihre ganze damalige Hilflosigkeit wider…Und am liebsten mochte sie in der Schule Gummitwist spielen. Diese beiden Aussagen deuten darauf hin, dass Anna, die bei Schuleintritt 6 Jahre und 4 Monate alt war, vermutlich noch nicht richtig „schulreif“ war. So erzählte sie mir auch, dass ihre Mutter sie in der Volksschulzeit früh immer daran erinnern musste, die Schultasche mitzunehmen. Sogar noch in der Hauptschule hätte sie die Tasche noch ab und zu einfach zu Hause vergessen…Dazu passt die Aussage der Mutter, Anna sei nicht sehr ordentlich gewesen. Die erwachsene Anna aber meint von sich selbst, sie sei ordentlich gewesen.

Solche widersprüchlichen Aussagen sind mir in meiner Tätigkeit immer wieder begegnet. Die Ordnung der Eltern, meist der Mütter, ist nicht die Ordnung der Kinder, welche sich erst herausbilden muss. Meistens finden sie sich in ihrer scheinbar chaotischen Welt zurecht. Nach außen sieht es jedoch wie Unordnung aus, aber eben nur für andere! Natürlich gibt es auch hier Abstufungen und durchaus einige Kinder, die ohne mütterliche Hilfe ständig etwas nicht finden oder vergessen würden.

Anna hatte von Anfang an mit allen schriftlichen Arbeiten Schwierigkeiten, ganz gleich, ob es sich nun um Deutsch oder ein anderes Fach handelte. Namen, Musiknoten sowie Buch- und Filmtitel konnte sie sich nur schwer merken. Sie war aber an den meisten Inhalten sehr interessiert und gehörte mündlich zu den Besten, weshalb die Lehrer sie auch sehr mochten. Ihr liebstes Fach war Turnen und das zweitliebste Kunst.

Anna beschreibt in ihrem Interview, Frage 2, wie sie sich fühlte, wenn es ums Lesen und Schreiben ging. Sie konnte nicht verstehen, warum die Wörter so geschrieben werden müssen, wie sie eben geschrieben gehören und später fehlte ihr das Verständnis dafür, dass es (wahrscheinlich) nur ihr in der Klasse so ging. Sie stand vor einem für sie unlösbaren Rätsel und machte voller Vertrauen alles das, wovon die Erwachsenen glaubten, es würde ihr helfen. Immer wieder übte, übte und übte sie und was kam dabei heraus? Wieder eine Fünf! Es war ein schlimmer Kreislauf, in dem sich Anna als Kind und auch später noch befand. Das Vertrauen in die Erwachsenen war ihr währenddessen nach und nach verloren gegangen, ebenso das Vertrauen in sich selbst. Meine Überprüfung ergab neben einer leichten Rechts-Links-Unsicherheit (instabile Körperdominanz) einige Schwächen im akustischen Bereich und bei seriellen Aufgaben. Einige Male hatte ich bemerkt, dass Annas linkes Auge ab und zu aus dem geraden Blick wie nach außen weg rutschte, ungewollt und unkontrolliert, so kam es mir vor. Weil sich Anna beim Nachzeichnen von Linien sehr angestrengt hatte und es ihr trotzdem nicht gut gelang, hatte ich ihr gleich zu Beginn unserer Arbeit empfohlen, bei einem Optikermeister eine Sehanalyse machen zu lassen. (Weder Anna noch ihre Mutter konnten sich erinnern, ob Annas Augen untersucht worden sind). Hauptsächlich aber hatte sich mir offenbart, wie es um Annas Selbstbewusstsein stand. Das laute Lesen war Anna extrem unangenehm und versetzte sie in großen Stress. Ihre Stimme war ganz dünn geworden: rasch, leise und unsicher, sich verschluckend, flach atmend, war sie kaum zu vernehmen. Welch‘ Gegensatz zu ihrer sonstigen Erscheinung, ein regelrechter Widerspruch! Bei der Ansage waren Anna Rechtschreibfehler fast gar nicht unterlaufen, bei der Abschrift sowieso nicht. Sie hatte ja auch einige große Ferien mit Rechtschreibprogrammen zugebracht, was sich über die Jahre doch irgendwie positiv bemerkbar machte.

Annas Problem war das freie Schreiben, bei dem gleichzeitig die Wortwahl, der Satzbau und die Rechtschreibung einschließlich Interpunktion beachtet werden müssen. Dazu kommen Inhalt, Ausdruck, Grammatik und auch noch schön schreiben! Wenn Sie das lesen, ahnen sie wahrscheinlich, wie es einem Kind geht, das etwas tun muss, was es nicht gut kann und deshalb auch nicht gerne tut. Es versucht, so gut wie möglich „durchzukommen“. Meistens bleibt die Rechtschreibung auf der Strecke. Während des Schreibens kann sie nicht genügend beachtet werden und zum Überprüfen reicht am Ende oft die Zeit nicht mehr aus.

Bei einem Legastheniker wie Anna kommt noch dazu, dass er bedingt durch sein bildhaftes Denken zunächst für die inneren Bilder Worte finden muss. Ist der Inhalt interessant und die Arbeit fortgeschritten, beginnen die Bilder schneller und schneller zu fluten, fast wie in einem Film. Nun ist der Legastheniker kaum noch in der Lage, mit diesem Tempo fertig zu werden. Der Satzbau löst sich auf, es gibt keine Punkte, Kommata oder andere Satzzeichen mehr und oft fehlt am Ende der richtige Schluss; die Geschichte scheint irgendwie noch weiterzugehen.

Ronald Davis geht in seinem Buch „Legasthenie als Talentsignal“ auf den Unterschied zwischen analytischem und synthetischem, dem bildhaftem Denken, ausführlich ein.

15 lange Schul-und Ausbildungsjahre hatten dazu geführt, dass alles Schreiben und Lesen nur noch Stress und Blockaden bei Anna auslösten. Schon abends vor den Arbeiten und wenn es Zeugnisse gab, schlief sie

selten gut und war motorisch unruhig. Selbstzweifel und auch Scham beschäftigten sie: Warum wird es nicht endlich besser? Schaffe ich es, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen? Was soll aus mir werden? Dazu kam noch großer Frust. Während Anna zusätzlich lernte und sich abplagte, vergnügten sich ihre Mitschüler und schnitten trotzdem besser ab als sie.

Anna und ich hatten nach der Überprüfung ein auswertendes Gespräch, worauf sie in ihrem Interview, Frage 4, eingeht. Interessant für mich war, dass sie sich an keine Inhalte erinnern konnte, sondern einzig daran, dass ich einen Plan zu haben schien, der ihr irgendwie Hoffnung vermittelte.

Mir war wichtig, dass Anna möglichst rasch viele Übungen alleine ausführen konnte. Sie sollte etwas in der Hand haben, womit sie regelmäßig für sich selbst etwas tun konnte. Zudem wollte ich ihre künstlerischen Interessen in unsere Arbeit einbeziehen. 

In ihrem ersten Trainingsplan standen verschiedene Aufmerksamkeits-übungen, das ABC rückwärts lernen, dazu vorwärts und rückwärts laufen und bei jedem Schritt einen Laut sprechen, eine Antistress-Übung sowie sich selbst ein Rätsel täglich laut vorlesen und geduldig abwarten, bis die Lösung wie von selbst „erscheint“. Damit sich Anna mit einzelnen Buchstaben, z.B. dem Q, neu verbinden konnte, zeichnete sie je einen Buchstaben in Schrägstrichschraffur 3 auf ein DIN A 4 Blatt. In Frage 5 des Interviews erläutert Anna ausführlich, wie sie mit diesen Übungen umgegangen ist.

In unseren Stunden arbeiteten wir an der Stabilisierung der Körperdominanz  4 auf der rechten Seite und daran, den Stress-Level zu senken. Mit dem ABC beschäftigten wir uns auch bei mir. In jeder Stunde kamen ein oder mehrere Laute dazu und schon in der 5. Stunde war sie beim "Z" angekommen. Nun konnte Anna das ABC auch rückwärts  aufsagen, worüber sie sich sehr freute und auch stolz war.

Immer wieder habe ich erlebt, dass diese einfache Übung den Kindern hilft, sich neu mit den Buchstaben anzufreunden, um sich tiefer mit ihnen zu verbinden. Und sie können dann etwas, was andere nicht können! Ich frage die Kinder auch, wie viele Buchstaben das ABC insgesamt hat und wo die Mitte des ABC ist. Interessant ist das wirklich, denn die Mitte ist genau zwischen M und N und das Wort Mitte fängt mit einem M an. Ich mache sie darauf aufmerksam, dass alleine das Ypsilon einen richtigen Namen hat im Gegensatz zu anderen Sprachen, wo alle Buchstaben einen Namen haben. Das griechische Alphabet ist für diesen Vergleich sehr gut geeignet, weil auch das Wort ‚Alphabet‘ daher kommt. Meistens wissen die Kinder nicht, wo das Wort "Buchstabe" eigentlich herstammt; dann erzähle ich es ihnen. Oder ich frage nach dem Vorgänger und dem Nachfolger eines Buchstaben. Oft lasse ich Kinder die Buchstaben groß und schön an die Tafel schreiben; meist beginne ich mit dem Namen des Kindes, den Namen der Geschwister und der Eltern, eben damit, wozu das Kind einen wirklichen, emotionalen Bezug hat. An einer Tafel zu schreiben, mit beiden Füßen fest auf der „Erde“ stehend, worauf ich sehr achte, gefällt fast allen Kindern richtig gut. Ich kann mich nicht erinnern, dass je ein Kind gesagt hätte: Nein, das will ich nicht! oder es ungern ausgeführt hätte. Im Verlaufe der Arbeit schauen wir uns die Buchstaben bzw. Laute genauer an und finden die Selbstlaute, Mitlaute, Umlaute und die Zwielaute 5 heraus. Dieses Drumherum, also Geschichten erzählen, das mögen die Kinder, da bleibt ganz viel „hängen“.

Zurück zu Anna: Nachdem wir uns mit den Selbstlauten und ihren Unterschieden beschäftigt hatten, sprachen wir zur Verbesserung der Artikulation verschiedene Übungen wie z. B. „Wer berät langen Rat“ mit Bewegungen dazu. Zur Verbesserung des akustischen Gedächtnisses und Vertiefung der Atmung dienten Stabreime, wobei beim zu betonenden Laut tatsächlich ein Stab kräftig geworfen wird. Zum Entspannen und „Sich-In-die-Mitte-Finden“ malte Anna sechsmal einen liegenden Achter, rot in Gelb, als DIN A 2 großes Aquarellbild. Das Malen mit Wasserfarben hat zudem eine lösende, entspannende Wirkung und für die Seele sind die hellen, warmen Farben einfach nur wohltuend.

Hier möchte ich eine kleine Geschichte einstreuen. Anna erlernte auch das Jonglieren. Ich zeigte es ihr einige Male und wir besprachen verschiedene Details. Rasch hatte sie es mit zwei, dann mit drei Tüchern gekonnt. Als es ihr in der folgenden Stunde auch mit zwei Bällen schon gut gelang, reichte ich ihr den dritten Ball und sagte: Probier mal! Anna sah mich etwas zweifelnd an, nahm ihn aber dazu und begann. Alle drei Bälle blieben einige Umläufe hintereinander in der Luft! Erschrocken hörte Anna auf, die Bälle plumpsten nach unten und sie fragte: Was war das denn? Ich: Du hast jongliert, Anna, du kannst es! Es war kaum zu fassen. Gleich beim ersten Anlauf hatte Anna etwas geschafft, wofür andere vielmals üben müssen. Diese Geschichte zeigt sehr deutlich, wie intelligent Annas Körper ist. Während des Zuschauens war sie mit ihrem ganzen Wesen wie in mich hineingeschlüpft und hatte die Jonglierbewegungen innerlich mitvollzogen. Als sie es selbst probierte, „wusste“ ihr Körper wie es geht und konnte es einfach! Besser kann ich den Vorgang nicht beschreiben. Diese hohe Körperintelligenz ist mir später noch bei vielen Legasthenikern aufgefallen (siehe Geschichte Lukas), so dass naheliegt, dass dies ist eine Fähigkeit ist, über die viele legasthene Menschen verfügen, natürlich immer verschieden ausgeprägt.

Wir lasen das Rätsel für die Zeit zwischen den Stunden und Anna machte verschiedene Buchstaben-Überkreuz-Übungen, kurz BÜÜ genannt. In der zweiten Stunde besprachen wir die Kontrollhilfe in 7 Schritten, mit welcher Anna selbstständig an ihrer Rechtschreibung arbeiten konnte. Später kamen einzelne Fehlerschwerpunkte wie z oder tz? und grammatikalische Inhalte hinzu.

Zur Verbesserung der Merkfähigkeit und zur Sprachpflege übten wir am Schluss der Stunden den Rückblick auf das Gewesene. Das Aufzählen der Übungen von hinten nach vorne gelang Anna recht gut, doch anstatt ‚danach‘ ‚davor‘ zu sagen, fiel ihr nicht so leicht. Durch solche Fragen: Was hat dir heute am meisten Spaß gemacht? Wo hast du dich besonders anstrengen müssen? Wo hast du den größten Fortschritt erlebt? wurden ihr ihre Veränderungen sofort bewusst. Ich selbst lernte dadurch, dass das methodische Anwenden des Rückblicks für die Motivation junger Erwachsener besonders wichtig ist.

Inhalt des zweiten Trainingsplanes waren verschiedene Sprachübungen und lautes Lesen mit einer Leseschablone sowie kurze Schreibübungen mit anschließender Selbstkontrolle. Die Aufmerksamkeits-übungen und das Zeichnen von Buchstaben in Schägschraffur begleiteten Anna fortdauernd.

Am 14. Mai 2001 wurde Anna von einer Schulpsychologin hinsichtlich einer Legasthenie überprüft; eine Woche später musste sie noch einen Interessenstest über sich ergehen lassen. Weshalb es dazu kam, wie es Anna damit ging und was dabei herauskam, lesen Sie bitte im Interview, Frage 7 und 8, nach. Es war eine extreme Situation, in der sich Anna da befand. Sie war während dieser Zeit sehr angespannt, was man ihr ansehen und anmerken konnte. Erst drei Wochen später bekam sie das Ergebnis übermittelt. Dass sich für Anna durch diese Tests letztendlich doch keine Erleichterungen ergaben, war dann noch frustrierender.

Im Februar 2001 hatte Anna in unserm Vorgespräch drei Ziele formuliert. Erstens wollte sie Klarheit haben, was mit ihr los ist, zweitens wenige oder gar keine Fehler mehr machen und drittens wollte sie Lernstrategien kennenlernen.

In unserm abschließenden Gespräch im Juni d.J. gingen wir auf diese drei Punkte ein. Anna war deutlich geworden, dass sie eine Legasthenikerin mit allen Erschwernissen, aber auch mit vielen Besonderheiten ist und dass sie lernen kann, damit umzugehen. Annas Legasthenie ist einmalig, so wie jeder Mensch einmalig ist. Anna hat viele Talente, die ihr im Verlaufe ihres Lebens immer bewusster werden und die sie nach und nach in ihre Lebensgestaltung einbeziehen kann.

Auch beim Schreiben war Anna ein Stück weiter gekommen. So hatte sie z.B. gelernt, die richtige Schreibweise von Wortbedeutungen oder durch Wortveränderungen abzuleiten sowie die Deklination der Nomen als etwas anderes zu verstehen, als sie es von der Schule her kannte. Sie hatte gelernt, sich durch Aufmerksamkeitsübungen in eine gute Verfassung zu bringen, so dass sie ihre Potenziale besser zum Tragen bringen konnte. Und sie hatte gelernt, dass sie beim freien Schreiben unter Beachtung einiger Kriterien, wie z.B. möglichst kurze Sätze mit wenigen Kommata, besser zurechtkommen kann. Am wichtigsten aber war das wiedergefundene Selbstvertrauen, welches Anna auch wirklich ausstrahlte. Sie wollte sich den kommenden Anforderungen stellen, auch wenn ich sie nicht mehr begleiten konnte, da ich aus beruflichen Gründen nach Deutschland zurückgehen musste. Anna hatte so viele Dinge „an die Hand“ bekommen, welche ihr auch bewusst waren, so dass sie glaubte, das letzte Ausbildungsjahr und im Jahr darauf auch die Matura gut bewältigen zu können. Dass bei ihr eine gewisse Unsicherheit blieb, ist verständlich und nachvollziehbar und dass auch ich ein etwas labiles Gefühl hatte, was Annas Zukunft betraf, möchte ich nicht verschweigen. Nach nur 3 ½ Monaten waren wir an diesen Punkt gekommen.

Anfangs hatte ich mich ernsthaft gefragt: Wie viel Sinn macht es, die Arbeit mit Anna zu beginnen, wenn sie schon nach wenigen Monaten enden wird? Doch gleich als wir uns kennenlernten ahnte bzw. traute ich ihr zu, dass sie gut mitmachen und auch selbst viel tun würde, was ja dann auch wirklich geschah. Obwohl Anna während unserer Arbeit diesen psychologischen Test hat mitmachen müssen, der wirklich emotional einschneidend war, hat sie es geschafft, aus unserer Arbeit für sich das Beste herauszuholen.

Als Weg- bzw. Lernbegleiter kann ich empfehlen und anbieten, ich kann fördern, aber nur wenig fordern und ich kann Kinder für den kleinsten Fortschritt loben; bei Erwachsenen motiviert Lob weniger. Was ich jedoch nicht kann und auch nicht will, ist, etwas für den andern wollen! Jeder Mensch, besonders ein Erwachsener, muss selber wollen. Sonst erlebt er jede Anregung und jede Hilfestellung als Einmischung in sein Leben, wodurch er sich zu Recht unfrei und gegängelt fühlt. Damit der Veränderungs-Wille stark genug bleibt, muss die Motivation durch das Wahrnehmen von Veränderungen ständig wach gehalten und erneuert werden, so wie es bei Anna tatsächlich der Fall war. Sie hat die Veränderung als Prozess erlebt, wenn auch nicht so bewusst. Das war mein Part in unserer Zusammenarbeit. In der Geschichte von Lisa werden Sie lesen können, wie sich ein Erwachsener mit Hilfe eines Lerntagebuches noch bewusster motivieren kann.

An einem schönen Sommertag trafen wir uns nach zehn Jahren im Juni 2011 in Berlin, wo Anna mit einer jungen Frau in Wohngemeinschaft lebt. Sie wollte mich vom Bahnhof abholen und wir hatten einen Treffpunkt dafür ausgemacht. Doch so ein großer Bahnhof hat halt mehrere Ein- und Ausgänge und so liefen wir fast 20 Minuten immer um uns herum! Als wir uns sahen, erkannten wir uns gleich wieder und umarmten uns. Anna hat sich nur wenig verändert: aufrechter stolzer Gang, sehr sportliche Figur, die Haare etwas kürzer, das Gesicht konturierter; eine interessante Person, die auffällt und der man hinterherschaut. Die Altbauwohnung befindet sich im 5. Stock und ohne Lift kam ich doch etwas außer Atem oben an, wurde sogleich mit etwas Nahrhaftem versorgt und anschließend zogen wir uns zum Gespräch in Annas gemütlich eingerichtetes Zimmer zurück, welches wir erst nach fast vier Stunden wieder verließen. Was aus Anna geworden ist und welche Pläne sie hat, können sie nun im nachstehenden Interview lesen.

 

Interview mit Anna am 03.06.2011

 

B. Kahn: Hallo, Anna, wie schön, dass wir zwei uns wiedersehen! Vor zehn Jahren haben wir in Innsbruck zusammen gearbeitet. Du warst meine erste „Ältere“. Wie hast du mich damals eigentlich gefunden?

Anna: Weil, ich hatte damals einen Freund und dem hab ich so des Öfteren die Ohren vollgeheult: So ein sch…Deutsch und so doofes Englisch und dann hab ich wieder am Abend dagesessen und Vokabeln gelernt und hatte wieder eine Fünf in der Schule. Und dann hatte ich so was wie eine kleine Krise. Da hat mein Freund gesagt: So, jetzt schaun wir mal, ob’s da nicht was gibt! Er hat dich dann im Internet gefunden und mir deine Nummer gegeben. Dann weiß ich nicht mehr genau, auf alle Fälle hab ich dann einen Termin bei dir gemacht.

BK: Warum hast du Hilfe gesucht?

A: Ich hab mein Leben lang eigentlich damit verbracht zu Hause zu sitzen und irgendwie Deutsch, irgendwie die Wörter zu lernen. Warum schreibt man „dick“ nicht mit einem großen D, weil das schaut ja groß und so rund aus. Oder warum schreibt man „gibt“ nicht mit einem langen i, weil man sagt ja: Gieb mir das jetzt her! Oder warum schreibt man „kann“ so wie man es schreibt? Ich hab das einfach nicht verstanden und ich hab auch nicht verstanden, warum das alle anderen verstehen und ich halt nicht. Ich hab damals in Innsbruck im Internat gewohnt und echt nicht verstanden, warum ich da am Abend sitzen und Rechtschreibung üben muss und trotzdem eine Fünf schreibe. Alle anderen sitzen vor dem Fernseher und haben Freude und Spaß und so! Ja, ich war schon sehr verzweifelt und hab halt immer nur Fehler gemacht. Gehört hab ich immer: Mensch, Anna, du kannst das doch alles! Und einige Lehrer haben auch gesagt: Anna, du bist doch so intelligent. Jetzt konzentrier dich und schreib mal richtig. Aber das hat halt nicht so funktioniert, wie die das wollten.

BK: Du warst in deinem letzten Jahr der Kindergärtnerinnenausbildung und schon fast 20 Jahre alt. Alle anderen, die zu mir kamen, waren viel jünger.

Warum hast du nach dem ersten Kennenlernen geglaubt, dass ich dir helfen kann?

A: Ja, ich kann mich noch erinnern. Wir saßen damals bei dir in der Küche und du hast zu mir gesagt: Ich weiß nicht, was du hast. Wir müssen da erst einen Test machen, wir müssen uns das erst einmal anschauen. Dadurch hast du mir irgendwie vermittelt: Ich hab keine Ahnung, was du hast, lass uns das mal herausfinden. Und dadurch hast du Interesse an mir gehabt und, ja, mir auch Hoffnung vermittelt: Okay, vielleicht gibt’s ja wirklich was, was ich hab. Und vielleicht gibt’s ja wirklich was, wo man etwas dagegen machen kann! Ja, weil bis jetzt war das immer so: Setz dich halt mal hin und lern mal Rechtschreiben oder deine Vokabeln. Du bist halt faul, konzentrier dich halt mal. Sei nicht so schlampig. Und wenn ich mit der Mama gelesen hab, dann war das immer so: Sie saß ganz woanders und hat das Buch gar nicht gesehen und hat gesagt: Da gehört die und nicht der. Dann hab ich gesagt: Wie kannst du das wissen? Du stehst ja da drüben.

Jetzt, im Nachhinein ist mir das natürlich klar. Aber das war immer so invalid; ständig bin ich nicht richtig gesehen, nicht wertgeschätzt worden. Und da bei dir hatte ich das Gefühl: Okay, du interessierst dich für mein Problem. Du weißt zwar noch nicht, was ich für ein Problem habe, aber du bist zumindest daran interessiert, es herauszufinden. Und vielleicht gibt’s dann auch eine Lösung. Und das hat mich eigentlich motoviert. Vielleicht auch dieses Eingeständnis: O ja, die Lehrbücher sagen das eine und ich selber denk was anderes. Lass es uns mal herausfinden, einfach diese Offenheit, Offenheit für: Was hast du? Lass uns mal schauen. Und die Transparenz, ja!

BK:Nach der Überprüfung habe ich dir alles erklärt. War das für dich wichtig?

A: Also an das Gespräch konkret kann ich mich jetzt grad nicht mehr erinnern. Aber ich kann mich an manche Tests und Übungen erinnern, z.B. mit dem linken und dem rechten Auge was anschauen. Obwohl die konkreten Informationen des Gespräches bei mir nicht mehr da sind, denk ich mir im Nachhinein, dass mir wichtig war, dass du einen Plan hattest, dass du wusstest, da gibt es einen Weg raus, dass du dem Kind einen Namen gegeben hast und mir irgendwie einen Status Quo sagen konntest, also: Das kannst du gut, da können wir etwas machen. Und ich hatte einfach einen extremen Leidensdruck! Also, das muss man einfach dazu sagen. Es war echt, es war echt nicht schön! Ja, ich glaub der Leidensdruck alleine hat mich schon sehr motoviert!

BK: Am 26. Februar 2001 hatten wir unsere erste Übstunde. So wie ich mich erinnern kann, hast du gut mitgemacht, denn die meisten Übungen waren Bewegungsübungen, was dir ja sehr entgegenkommt. Für die Zeit bis zur nächsten Stunde solltest du nach einem Plan täglich verschiedene Übungen machen, die du alle während der ersten Stunde kennen gelernt hattest. Du bist dann immer abends nach 18:00 Uhr regelmäßig alle ein bis zwei Wochen zu mir gekommen, ansonsten hast du selbstständig gearbeitet.

Wie ernst hast du diese Übungen genommen?

A: Also. Ich hab die Übungen sehr ernst genommen und sie stringent jeden Tag durchgeführt, weil sie für mich ein Ausstieg aus dem Schulalltag waren. Ich hab sie schon fast als Meditation erlebt, weil ich eben nicht die doofen Hausaufgaben machen musste oder daran denken musste, dass ich schon wieder eine Schularbeit versaut hatte, weil ich schon wieder so viele Rechtschreibfehler gemacht hatte. Und, ich kann mich gut erinnern, wir waren eine Woche auf Wien-Reise, und sogar in Wien hab ich es geschafft, die Übungen zu machen. (Anna lacht) Einmal hat mich sogar meine damalige Deutschlehrerin, von der wir später noch sprechen werden, dabei erwischt. Sie war bei mir im Zimmer und da hatte ich keinen Platz. Da bin ich raus auf den Gang und hab die Übungen dort gemacht. Als sie mich fragte, hab ich es ihr halt erklärt. Also, ich hab das wirklich ernst genommen und die Übungen echt jeden Tag und auch gerne gemacht, weil ich das Gefühl hatte: Ja, okay, endlich hab ich was! Ich kann endlich mal was machen! Ich hab endlich mal was in der Hand und das bringt mir auch was! Struktur war vorgegeben und Klarheit. Und ich wusste: Okay, das wird jetzt ein bisschen anstrengend, aber wenn ich das jetzt mache, dann bringt mir das was. Und einige Übungen, z.B. die mit der Thymusdrüse und dem Atmen, die mache ich immer noch. Anna flüsternd hinterher: Was wir sonst noch gemacht haben, weiß ich gar nicht mehr. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern…

BK: Wann hast du gemerkt, dass sich für dich etwas verändert und was war es?

A: Das erste Mal, als ich gemerkt hab, dass sich was verändert, war durch das Gedichteüben! Das hat mich so genervt, es war so schwierig! Da war ich echt angenervt! Aber ich hab das zu Hause echt geübt, da hab ich mich echt überwunden, das auch wirklich zu machen. Ich kann manches heute noch (Anna zitiert den Anfang eines Spruches von Thor, dem Tapferen und lacht dabei). Dabei ist mir so nach und nach klar geworden, dass das, was in meinem Kopf ist, die andern nicht wissen können, dass ich, wenn ich etwas will, den andern sagen muss! Durch diese ganzen Übungen hab ich einfach Selbstbewusstsein bekommen. Sie haben mir einfach Spaß gemacht und wie das immer so ist im Leben, wenn man Sachen gerne macht, die einem gut tun, dann kriegt man ein positives Selbstwertgefühl und dann automatisch verändern sich auch die anderen Dinge. Weil, wenn man so eine negative Sichtweise hat, dann ist das wie ein Magnet und man zieht das ganze Negative an. Ich glaub durch diese täglichen Auszeiten, die ich mir genommen hab, hab ich mir Inseln geschaffen. Und daraus, aus diesen vielen kleinen, positiven Inseln hat sich ein ganzes positives Weltbild, das ich als Kind eigentlich schon immer hatte, wieder so hergestellt. Ja, mit den Gedichten hat es angefangen, wo ich mich überwunden hab, dass es halt anders ist, als ich glaub…

BK: Mitte April 2001 hatte dir deine Deutschlehrerin, Frau Magister X, empfohlen, einen Test bei der Schulpsychologin durchführen zu lassen. Weil sie dich mochte, hatte sie dich in deiner Rechtschreibschwäche immer unterstützt. Aber nun befürchtete sie, dass du es nicht durch die Abschlussprüfungen schaffen würdest. Ihr war aufgefallen, dass du beim Schreiben eines längeren Aufsatzes etwa ab der Hälfte keine Satzzeichen mehr machst und sich im Grunde die ganze Satzstruktur auflöst. Rechtschreibfehler tauchten nur noch wenige auf. Das erschien ihr sehr rätselhaft. Deshalb sollte durch den Test festgestellt werden, ob eventuell „strukturelle Probleme“ vorliegen würden. Als du mir davon erzähltest, warst du sehr aufgebracht. Ich fragte dich: „Anna, glaubst du von dir selber, dass du nicht ganz richtig bist?“ Du hast sofort den Kopf geschüttelt und die Frage heftig verneint. Darin waren wir uns absolut einig. Dass du legasthen bist, ahntest du ja! Und du wusstest, dass Legasthenie mehr als vertauschte Buchstaben und Rechtschreibfehler bedeutet. Doch die allermeisten Lehrer und Psychologen wussten das damals eben nicht! Ich kann mich daran erinnern, dass ich mit Frau Magister X ein längeres Gespräch hatte. Sie hörte mir zwar gut zu, doch glaubte sie mir nicht, dass ein Legastheniker in Bildern denkt und dass es ihm deswegen so schwer fällt, diese in Schrift zu übertragen, zumal wenn sie anfangen sich immer schneller zu verändern. Dann läuft ein ganzer Film ab! Und richtig schreiben, geht dann fast gar nicht mehr! Ich empfahl dir, den Test „für die Lehrerin“ durchführen zu lassen, denn laut Schulgesetz benötigte sie ihn als Legitimation. Dich bat ich, der ganzen Sache nicht so viel Bedeutung beizumessen. Die endgültige Entscheidung hast du dann alleine getroffen; du hast den Test tatsächlich über dich ergehen lassen. Wie war das für dich und was ist dabei heraus gekommen?

A: Für mich war die alleinige Situation, dass ich zu dieser Frau gehen muss, echt total die volle Strafe. Ich kann mich noch gut erinnern. Die hat mich in einen Raum gesetzt, der extrem laut war, weil daneben sind gerade Bauarbeiten gewesen, und es war total heiß. Und die hat mir da einfach 20 Bögen oder was weiß ich wie viele hingelegt. Ich hab nur den Berg gesehen und gedacht: O Gott, das muss ich jetzt alles durcharbeiten! Dann hat sie gesagt: Wenn du fertig bist, sagst du mir Bescheid und hat mich da alleine sitzen lassen! Ich hab mich gefühlt wie der Letzte und hab gedacht: Du sollst ja mit mir reden und du möchtest ja herausfinden, was ich hab! Du möchtest ja mit mir nicht nur den Test machen, oder? Kann man das nicht vielleicht besser herausfinden? Also, ich hab mich total invalide gefühlt und im Vergleich mit dem Gespräch, was ich mit dir am Anfang geführt hab, hab ich gedacht, ich bin im falschen Film! Satzergänzungstest, IQ-Test!! Also heute weiß ich ja, was sie mit mir eigentlich machen wollte. Interessenstest! Ja, das wird dich interessieren und da hättest du vielleicht Interessen und das könnte ich dir empfehlen (sagte die Schulpsychologin zu Anna). Da hab ich mir gedacht: He! Deswegen bin ich nicht hier! Und dass ich normal intelligent bin, weiß ich auch. Also, es war echt Sch…, ganz einfach, kann man mit einem Wort ausdrücken.

Was dabei herausgekommen ist? Also beim Satzergänzungstest, steht ja der Anfang vom Satz da und man muss dann das Ende dazu schreiben, z.B. „Mein Vater ist …“ Da hab ich halt Wörter hingeschrieben, wo ich mir gedacht hab: Ja, die kann ich richtig schreiben. Ich mein, ich weiß ja auch, welche Wörter ich falsch schreibe (Anna lacht). Ich bin ja nicht blöd hier! Hallo! Ich kann ja auch denken! Aber vielleicht war ich doch nicht intelligent genug, eigentlich hätte ich ja Fehler machen müssen, damit sie am Ende sagt: Anna, du hast Legasthenie. Also, soweit hab ich wirklich nicht gedacht. Von dem her hat sie vielleicht Recht, dass ich nicht so intelligent war…

Dabei ist auf alle Fälle herausgekommen, dass ich keine Legasthenie hab. Ich hab mir gedacht: He, du hast ja auch nicht Legasthenie getestet, sondern du hast getestet, ich weiß nicht was… Na ja, war alles echt nicht schön….Bemerkung: Anna war beim Beantworten der Frage ziemlich aufgeregt. Die Erinnerung an den Test und das Sprechen darüber macht bis in die Wortwahl hinein deutlich, wie sehr sie verletzt worden ist.

BK: Wie wirkte sich der Test auf deine Ausbildung aus?

A: Ja gar nicht! Ich hatte ja zu wenige Fehler gemacht! De facto war ich nicht legasthen und bin deshalb auch nicht von den Rechtschreibfehlern in der Matura (Abitur) befreit worden. Im Nachhinein denke ich mir: Wie doof ist das denn? Aber ich denk mir auch: Ich habs ja auch so geschafft. Von dem her –

Manchmal muss man sich auch Häuser bauen aus den Steinen, die man in den Weg gelegt kriegt.  Bemerkung: Das ist ein etwas abgewandelter Spruch von J. W. v. Goethe

Von Schulpsychologen hab ich seit daher, das war die zweite Schulpsychologin, ich war ja vorher schon mal beim Schulpsychologen in dem Jahr, wo ich sitzen geblieben bin, und der hat zu mir gesagt: Eine andere Lehrerin hätte dir eine Drei gegeben. Da hab ich mir gedacht: Ja, hallo! Du kannst hier nicht einer Schülerin, die gerade ein Jahr verliert, sagen, dass sie bei einer anderen Lehrerin eine Drei gekriegt hätte! Was soll ich denn mit dieser Meinung anfangen? Gar nichts kann ich damit anfangen!!! Das ist überhaupt nicht lösungsorientiert, sondern ist nur, ja…. (Anna ringt sehr nach Worten und kann die Sätze nicht bis zum Ende ausformulieren). Ich sitz da halt fest und ich hab gerade diese Lehrerin und naja…

Also. De facto hat sich für meine Ausbildung nichts durch diesen Test geändert, den ich bei dieser Schulpsychologin gemacht hab. Wenn ich an die zurückdenke und an die Situation, dann denke ich mir: Vielleicht solltest du mal Schulpsychologin werden, während des Studiums hab ich das gedacht, damit da nicht solche blöden Situationen entstehen. Ich mein, die Kinder kommen extra von der Schule und sind eh schon am Boden, deprimiert, weil sie lauter Fehler machen. Und dann gibt’s noch so eine arrogante Frau, die da hinter dem Schreibtisch sitzt und sich zu gut ist, mit dir zu reden, so fast, und das war echt doof! Okay! (im Sinne von Schluss damit jetzt!). Bemerkung: Obwohl Anna sehr aufregt war, war es gut, dass sie sich alles von der Seele reden konnte.

BK: Weil ich im Sommer 2001 aus beruflichen Gründen nach Deutschland zurückkehren musste, beendeten wir unsere Arbeit nach etwa 3 ½ Monaten. Von insgesamt 12 Übstunden war am 13.06.2001 unsere letzte. Ich hatte dich zwar rechtzeitig darüber informiert, aber es war trotzdem für uns beide nicht so einfach.

Kannst du dich daran erinnern?

A: Ja, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Es gibt da zwei Seiten. Also, ich kann mich an das letzte Gespräch erinnern, wo ich nochmal bei dir war und wir nicht im Therapiezimmer, sondern in dem andern Zimmer waren (mein eigenes Zimmer). Wir haben da nochmal ganz lose miteinander geplaudert und das war für mich total schön. Da konnt  ich dir so auf eine Art und Weise ganz nah sein und ich hab gemerkt: Ja, ich bin jetzt schon sehr traurig, aber wie sagt man so schön: Wenn man ganz geliebt hat, kann man auch wieder ganz loslassen. Ich glaub, so war es. Ich war einfach so dankbar für alles, was ich da so von dir mitgekriegt hab. Ich hab in mir so eine neue, wiedergefundene Vertrautheit gehabt, dass ich mir gedacht hab: Ja, okay, ich schaff das schon irgendwie. Ich hab in den letzten Stunden mitgekriegt, dass es dir wichtig war, dass du noch ein bisschen bei mir wärst. Du hast mir ganz viele Übungen gezeigt und ich konnt mir die gar nicht alle merken. Im Nachhinein war ich traurig darüber, aber die Übungen, die ich halt noch wusste, die hab ich dann eh weitergemacht. Dann war eh Sommer, dann hab ich auch weniger gemacht. Ein paar Übungen mach ich ja heute noch. Aber dass ich das volle Programm gemacht hab, das hab ich vielleicht noch für ein oder zwei Buchstaben gemacht. Und die andere Seite war: Okay, irgendwie krieg ich das vielleicht schon hin, aber wenn du jetzt weg bist: Wie soll das werden? Wie soll ich meine Matura schaffen, die dann im nächsten Jahr ist? Ich war mir eben auch unsicher, wie das gehen soll.

BK: Was ist dir von unseren Begegnungen als besonders wichtig geblieben?

A: Zuerst hab ich gedacht, es sind ganz viele Sachen, aber im Endeffekt kann man es auf eine Sache zusammenfassen. Und das ist eigentlich, sich die Zeit zu nehmen, egal, ob es jetzt zum Lesen ist, zum Schreiben ist, zum Für-Sich-Selber-Sein, zum Spielen, zum Lachen, zum Weinen, man kann fast sagen Achtsamkeit. Wenn ich die Kreise gemalt hab, dann hab ich die Kreise gemalt. Wenn du mir Wasser gebracht hast, dann hab ich Wasser getrunken, einfach dieses Bewusstmachen von allem, egal, was es halt eben grad ist. Und wenn wir uns zuerst hingesetzt haben, dann haben wir uns hingesetzt und haben geatmet. Einfach dieses im Momentsein, ja, das ist mir geblieben.

BK: Im Sommer hast Du die Ausbildung zur Kindergärtnerin abgeschlossen.

Kannst du sagen, wie das abgelaufen ist und wie du abgeschnitten hast?

A: Bei den schriftlichen Prüfungen hat mich die Lehrerin in Deutsch und Englisch ganz hinten alleine auf eine Bank gesetzt, damit ich mich bewegen konnte. In Deutsch war ich recht schnell mit dem Schreiben fertig. Wir mussten da auch zu meinem Glück nicht einen langen, großen Aufsatz schreiben, sondern drei kürzere. Das war leichter für mich, das so zu machen. Nach dem Schreiben der drei Texte hab ich die ganzen Wörter im Wörterbuch nachgeschlagen, ja! (Anna lacht sehr). Und ich hab dann eine Vier bekommen (sie lacht wieder). Wie das bei Englisch war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Bei den mündlichen Prüfungen hatte ich Englisch noch dazu genommen; mit dem Sprechen hatte ich eh nicht so ein Problem. Und ich hab in allen mündlichen Prüfungen eine Eins bekommen. Und zum Schluss am Abend kam von allen Professoren: Anna, so kennen wir dich ja gar nicht. Warum konntest du denn nicht die ganzen fünf Jahre vorher schon so sein? Alle waren ganz überrascht und haben sich total gefreut! Mein Papa ist dann in den Prüfungsraum runtergekommen: Ach, Sie müssen der Herr W., der Papa von der Anna sein, weil, die war heute ganz super! Alles, was ich in den sch… fünf Ausbildungsjahren erlebt hab, war in diesen Tagen wie aufgehoben. Ja, war echt eine erfolgreiche Prüfung, würd ich sagen.

Bemerkung: Annas damaliger Freund hatte ihr geholfen, sich gut auf die Präsentationen der mündlichen Prüfungen vorzubereiten.

BK: Hast du danach als Kindergärtnerin gearbeitet? Warum wolltest du überhaupt etwas mit Kindern machen?       

A: Das weiß ich nicht mehr, echt nicht! Und ich hab nie als Kindergärtnerin gearbeitet, aber ich war ganz viel bei der Mama im Kindergarten und hab ganz viel mit den Kindern da gemacht. Wir haben Vogelscheuchen gebaut, gemalt, Blumen gepflanzt und gesungen und ich hab mir Zeit für die Kinder genommen. Ich hab auch zwei Jobangebote bekommen, aber die hab ich nicht angenommen. Der Grund, warum ich nicht Kindergärtnerin sein wollte war: In Österreich hab ich gelernt, dass ich alles, was ich mit den Kindern machen muss und machen will, vorher ins kleinste Detail planen muss. Mein ganzes Leben lang würde diese Planung von der Leiterin kontrolliert werden. Das war mir einfach zu weit vom Leben weg, zu eingeschränkt. Ich konnte nicht frei denken und nicht frei handeln. Deshalb bin ich ja zur Mama in den Kindergarten gegangen, ich wollt ja gern was mit den Kindern machen und hab dann frei was gemacht mit denen, wo aus der Situation heraus und mit den Kindern etwas entstanden ist. In der Ausbildung war alles zu strukturiert und zu viel vorgegeben für die Arbeit. Die Kinder müssen zehn Gedichte lernen, sie müssen fünf Übungsblätter machen und was weiß ich, was sie noch alles machen müssen. Das hat mir nicht gefallen, nein!

Eigentlich hab ich mich zum Schluss durch die Kindergärtnerinnenausbildung nur deshalb durchgehangelt, weil ich Kunst studieren wollte. Das war im ganzen Schulsystem das einzige Fach, wo mir keiner sagen konnte: Das ist richtig und das ist falsch. Das war einfach so, wie es war. Ich hab nie realistisch malen können, aber dabei konnt ich frei sein, ach, da konnt ich einfach sein, da durfte ich so sein, wie ich bin! Und keiner hatte eine Chance mir zu sagen: Das ist falsch, das ist richtig, das gehört so, das gehört so nicht! Da kann man höchstens sagen: Der Strich fällt ein bisschen raus, das würde ich vielleicht anders machen, aber mehr auch nicht!

BK: Und, wie ging es weiter für dich? Hast du wirklich was mit Kunst gemacht? Wohin hat es dich verschlagen? Wie ging es dir privat?

A: Nach der Ausbildung bin ich schnurstracks nach Salzburg und hab mich da umgehört, was ich in künstlerischer Richtung so machen kann. Hab mich dann als Bühnenbildnerin beworben. Nur zehn Mappen wurden für die Ausbildung ausgesucht, das hab ich geschafft. Ich wurde aber dann abgelehnt: Sie sind ja sehr kreativ, Sie haben auch ein sehr gutes Vorstellungsvermögen, nur, Sie haben keine Vorstellung vom Theater. Das stimmt ja auch (Annas Kommentar).

Dann hab ich gedacht: Okay, was mach ich jetzt? Ich bin ins Büro der Uni Salzburg gegangen und hab gesucht, was ich jetzt studieren könnt. Letztendlich hab ich mich dann für Psychologie entschieden. Das hab ich dann so halbherzig ein Jahr lang gemacht. Im nächsten Jahr hab ich mich dann in Wien an der Kunstakademie beworben, wurd dann dort nicht genommen. Hab eigentlich nie eine Erklärung gekriegt, warum die mich nicht genommen haben, weil, von den 100 Mappen, die eingereicht waren, war meine wieder bei den zehn dabei, die es bis zur Aufnahmeprüfung geschafft hatten. Danach bin ich zurück nach Salzburg und hab herausgekriegt, das wusste ich vorher noch nicht, dass man in Salzburg Malerei mit Lehramt studieren konnte. Das hab ich dann gemacht und nebenbei ein wenig stiefmütterlich noch Psychologie. In der Zeit hab ich meinen damaligen Freund, mit dem ich fünf Jahre zusammen war, verlassen. Im Sommer darauf hab ich einen neuen Freund gefunden, mit dem ich dann sechs Jahre zusammen war. Der war aus Mailand und wir haben uns entschieden: Lass uns gemeinsam in eine große Stadt gehen. Wir haben uns dann aus allen deutsch-, englisch- und italienischsprachigen Städten Berlin ausgesucht, weil sich dort für uns einfach die besten Möglichkeiten boten. So ist die Freie Universität in Berlin eine Partneruni von Salzburg und ich konnte mir ganz viele Stunden anrechnen lassen. In Berlin hab ich dann Kunst endlich für mich verarbeitet gehabt und genug Kunst gemacht um sagen zu können: Ne, das kann ich nicht! Ich kann nicht ein Leben leben, wo ich eigentlich nichts verdien oder nicht weiß, was ich verdien, vor allem, weil mein damaliger Freund auch Künstler war. Also ne, das geht nicht. Dafür bin ich viel zu bodenständig. Und da hab ich mich dann echt in die Psychologie an sich und in die Psychologie als mögliche, zukünftige Arbeit verliebt. Denn dort wurde nicht mehr nur lehrbuchartig vorgetragen, sondern es wurde auch um Ecken gedacht. Da hatte ich auch eine ganz tolle Professorin, die auch aus Tirol kam, mit der ich mich in Berlin ziemlich verbunden gefühlt hab. Das war sehr gut für mich! Sie hatte sehr kritische Anschauungen, wie in der Psychologie einige Sachen zustande kommen. Und da hab ich mich in die Psychologie verliebt und von da an beschlossen, ich mach was mit Psychologie.

Jetzt mach ich grad die Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und das eigentlich nur deshalb, weil ich meinen Prüfungstermin versemmelt hab. Ja, das stimmt (Anna lacht). Ich hab dadurch drei Monate gewonnen. Beim Studium hab ich ja in der Klinik nur mit Erwachsenen gearbeitet. Das hat mir gut gefallen, aber bei einigen Störungsbildern konnt ich mich nicht genug abgrenzen, das ging sehr tief. Ich dachte mir: Okay, ich schau mir mal an, wie das mit Kindern so ist und hab da ein paar Tage Praktikum gemacht. Und da hab ich gewusst: He, mit Kindern, das flutscht, und hab mich auch gleich für die Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin entschieden. Ja, es ist jetzt zum ersten Mal in meinem Leben so, dass ich weiß: Das ist es, was ich gut kann. Das ist es, was ich machen will. Das ist es, wo meine kreativen Fähigkeiten zum Ausdruck kommen können und ich meine Ums-Eckdenk-Fähigkeiten nutzen kann, und auch meine für andere Menschen scheinbare Zusammenhangslosigkeit, die für mich sehr zusammenhangsvoll ist, Sinn hat. Und da bin ich! Psychotherapeutin in Ausbildung, arbeite in der Klinik und krieg nichts bezahlt, aber es macht dafür Spaß!

BK: Anna, wo glaubst du, hast du deine Talente? Was kannst du vielleicht besser als andere Menschen, die du kennst?

A: Ich hab mehrere Talente, würd ich sagen, aber die besonders sind? (Anna denkt etwas nach). Dinge klar zu sehen, die andere verwurschtelt sehen, weil ich durch das Gewurschtel durchseh. Ich hab den Mut, die Dinge dann auch anzusprechen, obwohl ich manchmal in engen persönlichen Beziehungen auch Angst hab, dass das vielleicht als Kritik falsch ankommen könnt. Ich hab auch eine ganz weiche Seite und durch alles hindurch zieht sich so meine Verbundenheit und mein Verwurzeltsein mit der Natur. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, und das gibt mir sehr viel Halt. So banal das jetzt auch klingt, aber: Eine Kuh gibt 8 Liter Milch, eine andre gibt 20 Liter. Ich kann mit der Kuh, die nur 8 Liter Milch gibt, alles machen, was ich will, aber sie wird nicht 20 Liter geben. So! Dinge einfach so zu nehmen, wie sie sind, sie zu sehen, wie sie halt sind, und sie nicht zu bewerten.

Anna fragt sich selber: Was kann ich noch besser als vielleicht andere Menschen? Ich kann in verzwickten Situationen Beobachtungen machen und klar ausdrücken (Anna erklärt an einem Beispiel, was sie meint.)

Das Schöne im Leben zu sehen, das Gute, in jedem Menschen. Ach ja, da gibt’s noch eine ganz tief verwurzelte „Sache“, die ich von meinen Eltern mitbekommen hab. Zum einen ist es das Familiendasein und zum andern sind das religiöse und spirituelle Traditionen, die mir gut tun und die mir in meinem Leben großen Halt und Kraft geben. Und dazu kann ich auch stehen, was ja in unserer Gesellschaft manchmal ganz schwierig ist. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich wirklich zu mir selber stehen und auch sagen konnte: Ja, das ist für mich in meinem Leben ein Thema. Ich weiß nicht, Erleuchtung, aber auf alle Fälle mal bedingungslose Liebe, so einen Gefühlszustand erreichen zu wollen. Das hat jetzt vielleicht nichts mit der Legasthenie zu tun, aber ich habe auf alle Fälle Mut für große Ziele.

BK: Fühlst du dich als Legasthenikerin sehr anders als andere? Warum?

A: Ja, ich glaub im Sozialen. Die ganze Schulzeit und auch die Kindergärtnerinnenausbildung waren für mich durch die Legasthenie mit Stress, Angst, Versagen, Minderwertigkeit, nicht gesehen werden als das, was ich bin, nicht in meinen Fähigkeiten gesehen werden, verbunden. Da hab ich die Strategie verfolgt, die ich auch ein bisschen von meiner Mama gelernt hab: Zu Hause muss Harmonie sein, sonst wär mir alles viel zu viel gewesen. Ich musste einen Ort haben, wo ich mich geborgen gefühlt hab und wo ich dachte, so sein zu können, wie ich bin. Letztendlich war ich das aber dann gar nicht! Ich hab halt die Strategie verfolgt, alle Problemchen, die irgendwie auftauchen, werden gelöst, indem ich in mein Zimmer lauf, die Tür hinter mir zuknall und gewartet hab, bis Papa oder Mama kommt. Das hat sich im Studium, eigentlich erst am Ende des Studiums, geändert. Da hab ich zu Hause gemerkt, dass ich auch meinen Eltern gegenüber so richtig oppositionell sein kann, dass es ganz viele Verhaltensweisen von meiner Mama gab, die ich nicht gut fand und die mich total verletzt haben. Erst am Ende des Studiums hab ich gemerkt, dass ich meine Pubertät nicht zur Pubertätszeit ausgelebt hab, sondern erst jetzt, auch meinem Vater gegenüber, der für meine emotionale Entwicklung wichtiger war, als meine Mama.

Auch in beiden langjährigen Beziehungen zu Männern war mir immer wichtig, nur nicht abgelehnt zu werden. Ich hab nur in schwarz-weiß denken können. Ablehnung hätte für mich wahrscheinlich Trennung bedeutet. Und deshalb hab ich alle Bedürfnisse, die ich hatte, und alle möglichen Konfliktthemen einfach unter den Teppich gekehrt. Das kommt von dem verloren gegangenen Selbstbewusstsein, dass ich einmal mitbekommen und später nicht mehr hatte. Dadurch hab ich mich Konfrontationen erst im späteren Lebensalltag gestellt, oft stellen müssen. Erst da hatte ich das Gefühl, es zu können.

BK: Im Mai 2011 bist du 30 Jahre alt geworden.Wo stehst du jetzt in deinem Leben? Wie wird es weitergehen?

A: Mit der Ausbildung stehe ich sehr gut da. Ich bin Gruppensprecherin und hab das Gefühl, dass ich von allen die meiste Ahnung hab und sogar bei manchen Seminaren denk: Hallo! Habt ihr das eigentlich mal erlebt oder wo habt ihr die Informationen her? Da weiß ich auch zum ersten Mal in meinem Leben: Du bist die Beste und du machst die beste Ausbildung und du wirst die beste Psychotherapeutin, für mich natürlich, weil: Das ist meins!

Berufliche Möglichkeiten sind Klinik oder auch Selbstständigkeit, aber jetzt noch Klinik. In knapp zwei Jahren ist im April 2013 die Approbation. Dann möchte ich im gleichen Jahr auch in Österreich die Prüfung machen, um auch dort die Zulassung zu bekommen. Einen Kassensitz such ich mir dann entweder an der Grenze von Österreich zu Deutschland oder umgekehrt, was besser ist, weil die Arbeit in Deutschland klarer geregelt ist. Beruflich sehe ich alles ziemlich klar, finanziell zwar noch nicht, aber das Berufliche ist eine Säule in meinem Leben, weil sie vom Inhalt her steht.

Privat ist es so, dass ich sieben Monate allein war und gemerkt hab: Alleine sein und Single sein ist schön und macht totalen Spaß und ich kann es total genießen, alleine zu sein. Und zack, hab ich mich in einen Mann verliebt, wo ich geglaubt hab: Den heirat ich mal, mit dem wird ich alt. Das hatte die ersten Monate so den Anschein, bis ich gemerkt hab, dass er noch in die Beziehung von davor verstrickt ist, das selbst aber gar nicht wahrnimmt und sich deswegen auch nicht eingesteht. Und jetzt bis nächste Woche hab ich ihm das Ultimatum gestellt, sich entweder für die andere oder für mich zu entscheiden. Ein irgendwelches Verharren in Mittelwegen ist für mich nicht möglich. Also, ja, offen, keine Ahnung… Auf alle Fälle wünsch ich mir für meine nächsten 30 Jahre, dass ich einen Partner habe, vielleicht auch Kinder und dass die Sinuskurve des Lebens tendenziell weiter nach oben verläuft, mit allen Höhen und Tiefen. Man ist selbst dafür verantwortlich, was man in sein Leben holt und was nicht. Ja, da steh ich grad. Schaun wir mal, wie das wird.

BK: Spannend! Und zum Schluss noch: Kannst du dir vorstellen, dass wir uns in etwa 10 Jahren wieder so zusammensetzen und ich dich erneut befrage?

A: Ja, gerne.    

BK: Liebe Anna, hab ganz besonderen Dank! Es hat mich sehr gefreut, von dir persönlich zu erfahren, wie es dir ergangen ist und wo du jetzt in deinem Leben stehst. Für die Zukunft wünsche ich dir persönlich alles Gute und für den Beruf viel Freude bei der Arbeit mit den Kindern. Danke, Anna!

 

Bemerkung: Nachdem ich mir das Interview mit etwas Abstand und ganz in Ruhe zu Hause angehört hatte, bedankte ich mich noch einmal per E-Mail bei Anna.

Sie schrieb zurück:

Das Gespräch hat in mir nochmal richtig gearbeitet und mir Gelegenheit gegeben, alte Sachen zu verarbeiten und neu zu strukturieren. Da waren ganz viel Angst und Wut, die ich nie zulassen durfte, die jetzt zum Ausdruck kommen und verarbeitet werden konnten. Die Dankbarkeit ist also ganz auf meiner Seite! Anna

 

Schlussbemerkung

Ist das nicht interessant? Zuerst absolviert Anna eine langjährige pädagogische Ausbildung, dann versucht sie zweimal vergeblich den Einstieg in ein Kunststudium, um am Ende fest entschlossen Psychologie zu studieren. Und während dessen taucht ihr der Gedanke auf, später einmal als Schul- bzw. Kinder- und Jugendpsychologin tätig werden zu wollen!

Es ist Annas eigener Leidensweg, der sie dorthin geführt hat, wo sie jetzt ist. Alles, was sie erlebt und erlitten hat, befähigt sie aus meiner Sicht, verständnisvoll, empathisch und kreativ mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu können. Sie hat dafür die besten Voraussetzungen und Talente. Auch wenn das etwas hoch klingen mag glaube ich, dass Anna den Sinn ihres Lebens gefunden hat. Was würde wohl Frau Magister X dazu sagen, wenn sie es wüsste…

 

Anmerkung

Warum hat Anna kein Lerntagebuch geführt?

Zur gleichen Zeit wie Anna habe ich viele Kinder betreut. Da waren Lukas, Clemens, John Wayne, Lisa und kurz auch Katharina und darüber hinaus noch viele andere.

Parallel dazu befand mich in einer sehr intensiven Ausbildung. Alle 14 Tage bzw. drei Wochen fuhr ich von Freitag bis Sonntag nach Deutschland in die Nähe von Fulda und musste dazwischen einige Aufgaben erledigen. Außerdem beschäftigte mich bereits meine Übersiedlung nach Deutschland. Deshalb und wegen des höheren Betreuungs- und Auswertungsaufwandes war es mir nicht möglich, dass auch Anna so wie Lisa ein Lerntagebuch führte.

 

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